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Seit frühester Zeit hat die fernöstliche Malerei großen
Wert auf kiin-seido – den kultivierten Begriff der inneren
Lebenskraft der Dinge – gelegt. Als höchste Entfaltung wurde
dabei die koordinierte, von Musikalität begleitete Bewegung des Naturgeists
geschätzt. Das Wort kiin bezeichnet eine Energie, welche auf tiefe
Art und Weise mit der Natur verschmilzt – am besten auszudrücken
durch Worte wie „Gott¡Èoder „Geist¡È – und welche eine
bestimmte, durch Sprache nicht zu beschreibende Kraft beinhaltet.
Für den Maler kommt der Impuls zur Gestaltung nicht aus einem sprachlich
basierten Gedanken. Je mehr man Schönheit durch rationales Denken
und Analyse auf der sprachlichen Ebene objektiviert, desto weniger kommt
sie zum Ausdruck. Die Qualität des kiin taucht spontan aus dem Nirgendwo
auf und verweilt darin. Aus diesem Grund können Kunstwerke nicht entstehen,
bevor man nicht eine spezielle Methode des Selbst-Transzendierens beherrscht.
Man muß die Technik einer Selbst-Projektion lernen, die in einen
Raum mit einer speziellen spirituellen Dichte verweist. An einem Platz
jenseits der physisch-materiellen, durch unser persönliches Oberflächenbewußtsein
bestimmten Wahrnehmung, wo Gedanken unaussprechlich sind, existiert
ein unverstandener transzendenter Raum nahe dem Reich der Träume.
Es ist der von diesem Ort aufwallende kreative Drang, der uns malen läßt.
Die einzige Rolle des rationalen Bewußtseins besteht dabei im Bereithalten
gelernter Techniken wie der der Komposition und der Kombination von Farben.
Das was zählt, ist jedoch das, was aus dem Inneren erblüht.
Wenn wir Kunst auf der höchsten Ebene
praktizieren wollen, müssen wir das ausdrücken, was tief im Inneren der Dinge
verborgen liegt. In jener Welt rückt Kunst sehr nahe an Religion. Der
ursprüngliche Zweck von Kunst war es, den menschlichen Geist zu veredeln und,
durch die kreative Erfahrung, in Kontakt mir dem lebendigen Ursprung zu treten.
Kunst belebt das durch den quantitativen Angriff des gesellschaftlichen
Lebens überwältigte und erschöpfte Individuum wieder und ist darüber hinaus mit
zahlreichen Arten von psychologischer und physischer Heilung verbunden.
Für mich ist der kreative Akt ein Akt des
Verschmelzens mit einer spirituellen Existenz. Bevor man nicht den Punkt, an
dem man in den kreativen Akt eintritt und vollständig Teil von ihm geworden
ist, erreicht, ist freier Ausdruck nicht erfahrbar. Wenn die angelernte Ordnung
des Selbst zur Zeit der Produktion agiert, kann man beobachten, wie genau diese
Ordnung an dem Punkt des Abrufens jede Kreativität blockiert und absterben
läßt. Dies geschieht, da das Wissen über existierende Gemälde und über
Kunsttheorie, das man irgendwo beobachtet oder gelernt hat, in der
oberen, rationalen Ebene des Bewußtseins abgespeicher wird, wo es stets
versteckt und gut getarnt erhalten bleibt.
Um sich auf die Quelle der Kreativität zu konzentrieren, muß
man alle Konzepte aufgeben und sich auf einem Weg der ekstatischen
Konzentration in den Raum des lebendigen, inneren Universums versenken.
Die tieferen Bereiche der geistigen Welt tauchen empor und ergreifen vom
Bewußtsein Besitz, so daß die Leidenschaften der Begierden
und der Sehnsüchte mit künstlerischem Ausdruck gemischt werden.
Dies ist die magische Technik des Surrealismus und sie ist gleichsam verbunden
mit einem Befreien der Libido, welche ebenfalls dort ruht. Jedoch ist dieser
Bereich unseres Bewußtseins getönt von unserer animalischen
Natur und die Arbeit hier kann problematisch werden, weshalb man beim Ausüben
einer solchen Konzentration die Führung einer wirkenden Gottheit (saniwa)
braucht.
Novalis schreibt, daß „ Kunst ein Mittel ist,
um die Begrenztheit des niederen Selbst zu überwinden und sich mit den
kreativen Kräften des Universums zu vereinigen¡È. Eine bestimmte Art von
moderner Kunst ist sich seiner eigenen schamanistischen Rolle klar bewußt. Dies
heißt, daß sie, durch ihre Offenheit für spirituelle Kräfte einer höheren
Ordnung, eine Vision der Humanität formuliert und zweitens psychologische
Heilung für diejenigen bringt, die an ihr direkt teilnehmen. Als sie hingegen
anfing, die objektive, phänomenale Welt als einfache Ansammlung von Objekten zu
behandeln, wurde die Kunst Stück für Stück zu einem mechanischen Apparat und
verlor ihre ursprüngliche, den Geist befreiende Kraft. In der westlichen Welt
nach der Renaissance konzentrierte sich die Kunst auf eine Suche nach den
materiellen Strukturen der Dinge und stieg mit jeder nachfolgenden Periode von
ihrem spirituellen Stand weiter herab, um ein positivistisches Interesse an der
Reproduktion von äußeren Erscheinungen der Natur und ihren Stoffen zu
adoptieren. Zweifelsohne war dies ein notwendiger Schritt in der
Menschheitsgeschichte. Im Westen entwickelte sich die Kunst bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts parallel zur wissenschaftlichen Forschung, wonach sie sich
dann in einigen Bereichen wieder der inneren, essentielleren Welt zuwandte.
Die ursprüngliche Mission von Kunst ist es,
diesen Phänomenen des Geistes, welche schlafend in der unsichtbaren, inneren
und unterbewußten Welt bestehen und welche nicht in das verbale Bewußtsein
gebracht wurden, nachzugehen und die spirituelle Welt zu enthüllen. Kunst ist
nicht der materialistischen Wissenschaft zugehörig, sondern der spirituellen.
Auch moderne abstrakte Kunst hat durch innere intuitive Mittel versucht, sich
selber den Kräften des Universums zu öffnen und auf der Leinwand eine Welt
jenseits der Reichweite der Sprache zu repräsentieren. Die Kunst eines
Kandinskys und eines Paul Klees, eines Mondrians und der Russischen Avantgarde
hat diese Form des Erweckens schon in den frühen Jahren des zwanzigsten
Jahrhunderts ausgeübt.
Ich male oft Bilder, welche ich „Wind¡È (kaze) nenne. Der Wind ist
eine dem Auge unsichtbare Bewegung. Wenn sich der Wind jedoch bewegt, wirkt
er auf alles in einer anderen Weise und indem er die Dinge bewegt, vermittelt
er dem sehenden Auge den Fakt der Bewegung. Wenn der Wind durch einen Pinienhain
weht, erhebt sich ein mystischer Klang. In der Bibel lesen wir: ¡È Der
Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber Du
weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei
jedem, der aus dem Geist geboren ist.¡È (Johannes 3.8)
Wenn sie sagen: „Ich reite auf dem Wind¡È,
meinen Künstler, daß sie von den Tentakeln eines spirituellen Windes berührt
wurden und daß sie, indem sie eine unerklärliche Emotion verspüren, durch
irgendwo tief in ihnen aufsteigende Formen und Farben fortgetragen
werden. Nach einer Anzahl von Versuchen bekommen diese unsichtbaren
Welten Form und werden auf der Leinwand fixiert. Sie sind aus dem
Unterbewußtsein heraus ersonnene Strukturen. Sie sind keine vom Anfang an
entschieden auf einen vorherbestimmten Umriß aufgetragene Farbkörper. Etwas von
vorneherein Inneres manifestiert sich hier an der Wirklichkeit der Oberfläche.
Mit dieser Art zu Malen ist es unmöglich,
einem eigenen Stil gemäß „Kopien¡È herzustellen. Sollten Arbeiten wie diese
gefragt werden, wohin sie gehen, so geben sie keine Antwort. Dies ist die
fundamentale Haltung orientalischer Malerei gegenüber Komposition. Maler aus
alter Zeit warteten auf den sie durchwehenden mystischen „Wind¡È. Was hierbei
benötigt wird, ist eine andere Art von Anstrengung, ein Kampf mit dem Selbst,
um die Anstrengung an sich loszuwerden. Dies ist der Prozess hinter meinen
Arbeiten. So handelt es sich gleichermaßen um Kunst wie um eine religiöse
Erfahrung. Man darf keinen Widerstand bieten, sondern muß sich selbst der
Tatsache hin öffnen, daß der Geist, der Wind, dann bläst, wenn er möchte.
Um meine Arbeiten in der oben beschriebenen Art und Weise zu abstrahieren,
habe ich viel von der spirituellen Wissenschaft Steiners und den Methoden
der automatistischen Kunst der Surrealisten entnommen. Jedoch entsteht
Kreativität nicht aus spiritueller Wissenschaft oder technischer Theorie,
da Kreativität kein Wissen darstellt. Es ist Erfahrung. Es gibt eine
Fertigkeit dabei. Und diese habe ich durch Zen Meditation gelernt. Ich
war in der Lage herauszufinden, daß sitzende Meditation (Zazen) eine
exzellente Methode ist, den Geist zu leeren und in die Nichtexistenz (mu)
einzutreten. Ich dachte zunächst, dies wäre deshalb geschehen,
da ich aus dem fernöstlichen Kulturkreis stamme, jedoch gibt es eine
steigende Anzahl auch deutscher Maler, denen diese Technik gelehrt wurde
und die von den großen, kreativen, das Selbst transzendierenden Kräften
überrascht wurden, welche sie durch Meditation kennenlernten.
In Deutschland ist es schon eine ganze Weile her, seit die Zen 49 Gruppe
in München im Jahr 1949 gegründet wurde, beeinflußt von
den Ideen Suzuki Daisetsus. Darüber hinaus haben die Europa 0 (Zero)
Bewegung von Yves Klein und andere die europäische Kunst von den Fesseln
eines materialistischen Positivismus befreit, der sie so lange gebunden
hatte, und von der Dreidimensionalität zu ihrer originalen Form der
Zweidimensionalität in der Malerei zurückgebracht. Diese Bewegung
ist heute zu einem zentralen Trend in der modernen westeuropäischen
Kunst geworden. Sie hat den Künstlern die Augen für den östlichen
Geist geöffnet, zu einer spirituellen Welt und einer Welt der ki-Energie.
Die Faszination, die japanische Kaligraphie
und alte Tuschzeichnungen für moderne westeuropäische Künstler boten, entstand
nicht nur durch Japonismus als Interesse an japanischer Kunst oder ihrer
Fremdheit wegen, sie war gleichsam Teil eines Prozesses der künstlerischen
Revolution, durch die die Kunst aus der materialistischen wieder zu einer
spirituellen Welt zurückkehrt.
Durch intellektuelle Rhetorik und eine
journalistische Haltung gegenüber sozialen Phänomenen hat sich die materialistische
Kunst heutzutage zu etwas eher Oberflächlichem hinentwickelt und die
spirituelle Befähigung vergessen, die sie einst besaß. Durch Ablenkung der
Aufmerksamkeit nach außen, ist sie dahin gekommen, die Herzen der
Menschen dursten zu lassen und letztendlich das Interesse der Öffentlichkeit
an moderner Kunst insgesamt zu befremden.
Kunst, indem man das Auge inwärts lenkt, muß
die Kreativität des Geistes wieder aufleben lassen. Die amerikanische Pop Art,
die die moderne Welt erobert zu haben scheint, muß endlich als soziologisches
Phänomen verstanden werden, das weithin bloße Alltagsgegenstände zu
Kunstgegenständen aufwertet und in Ausstellungen zeigt, und damit bestimmt auf
die Wahrnehmungsgweohnheiten unserer Zeit Einfluß nahm. Jedoch kann man nicht
sagen, daß Pop Art in irgendeiner Weise den Geist der Menschen kultiviert, ihre
Herzen geheilt oder ihre Empfindsamkeit erhöht hat. Wenn Kunst symbolisch für
ein Zeitalter steht, dann ist die amerikanische Pop Art, dadurch daß sie das
materialistischen Verlangen der Menschen stimuliert, auch eine Facette des uns
nährenden Kapitalismus.
Doch auch in der Bewegung der Modernen Kunst
vermitteln die Arbeiten amerikanischer Künstler wie Mark Rothko und Richard
Serra, französischer Künstler wie Yves Klein und anderer ein
kontemplatives Bewußtsein des Universums und lassen einen tiefen Eindruck in
unserem Herzen zurück.
Grundsätzlich bietet die östliche Malerei unserem Geist die Möglichkeit,
den Zustand der stillen, feinsinnigen und tiefen Schönheit zu erforschen,
die im Japanischen als yugen bezeichnet wird. Sie hat die Kraft, uns in
eine stille – und heilige – Welt zu führen. Diese ist
die Welt der Meditation. Östliche Malerei wird niemals positivistisch
oder realistisch, selbst wenn sie Natur portraitiert. Und die Natur, die
sie portraitiert, ist mehr eine Ähnlichkeit oder Erscheinung, eine
Heraufbeschwörung einer inneren Welt nahe dem Abstrakten. Daher war
die beste östliche Malerei stets zugleich religiöse Malerei.
Unsere Aufgabe ist es, den Geist der östlichen Malerei im modernen
Zeitalter wieder zum Leben bringen und seine Spiritualität zurückgewinnen.
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